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Malteser Eichstätt

Die 10. Etappe auf dem Jakobsweg führt die Malteser Solnhofen an einen besonderen Ort

Nächstes Jahr steht das größte Highlight an

14.10.2019
Die Malteser Solnhofen suchten auf den Pilgerpfaden den Weg zu Gott.

Sie gehen wochenlang an ihre körperlichen Grenzen, schlafen nachts in kargen Herbergen und sprechen oft tagelang kein einziges Wort: Circa 40 Millionen Christen nehmen jährlich einiges auf sich, um an einen heiligen Ort zu gelangen, der sie Gott näher bringt. Das Brauchtum des sogenannten Pilgerns, dass sich vom Lateinischen “In der Fremde sein” ableitet, besteht seit Hunderten von Jahren.

Spätestens seit Hape Kerkelings Bestseller “Ich bin dann mal weg!” erlebt die spirituelle Tradition auch in Deutschland eine beeindruckende Renaissance: Wie die WELT berichtet, sind mehr als 500.000 Deutsche jährlich auf Europas Pilgerwegen unterwegs. Obwohl das Pilgern längst nicht mehr als rein religiöses Phänomen gilt, haben die Strecken doch einen christlichen Ursprung. So geht auch die beliebteste Strecke auf Legenden des Apostels Jakobus zurück: Als Schutzheiliger rief er im neunten Jahrhundert zum Kampf gegen die Ungläubigen auf. Da sein Grab im spanischen Santiago de Compostela liegt, gilt die Hauptstadt Galiciens neben Rom und Jerusalem als beliebtes Ziel christlicher Pilger. Zahlreiche Wege innerhalb Europas sind als “Jakobsweg” gekennzeichnet, weil Menschen auf all diesen Pfaden Santiago erreichen können.

“Der Jakobsweg mal anders” - Ein Münchner Stadtkind begeht gemeinsam mit den Maltesern Solnhofen den Pilgerweg

Auch die Malteser Solnhofen begehen den Jakobsweg seit einigen Jahren - die Wanderung findet dabei traditionell am mittleren Wochenende im September statt. Bislang führte sie ihr Weg einmal quer durch Bayern - von Nürnberg über Eichstätt, Donauwörth und Augsburg bis zu einem berühmten Endziel innerhalb Deutschlands, das dieses Jahr auf dem Programm stand. Gerhard Börner, Ortsbeauftragter der Malteser in Solnhofen, rief die Idee für das Projekt vor neun Jahren ins Leben: “Ich hatte schon immer Lust, etwas zu bewegen in meinem Leben. Und da ich schon immer christlich geprägt war, ging mir der Jakobsweg nie aus dem Kopf - ich wollte das Ganze aber mal ganz anders angehen.” Auf welche Weise Gerhard Börner und seine Jakobswegs-Truppe den Jakobsweg erleben und wahrnehmen, sollte ich schon bald erfahren - als Pressereferentin der Malteser in Eichstätt war ich dazu eingeladen, mich der zehnten Etappe auf dem Jakobsweg anzuschließen. Als selbsternanntes Stadtkind hatte ich natürlich unzählige Fragen im Kopf - die dringlichste lautete: Warum treten so viele Menschen den Pilgerweg an und glauben, nur hier wirklich zu sich und vielleicht sogar zu Gott zu finden? Ich sollte es schon bald herausfinden.

Die erste Tour - Traumhafte Wanderung auf schattigen Waldwegen

Am mittleren Septemberwochenende 2019 war es endlich so weit: Gemeinsam bricht die Truppe zu ihrer zehnten und letzten Etappe innerhalb Deutschlands auf. Es liegt leise Vorfreude in der Luft, die auch mich ansteckt – muntere Erzählungen der anderen und deutlich erprobteren Pilger verdeutlichen allerdings schnell, dass ich mich nicht auf ein Kinderspiel einstellen darf:  “Wir übernachten immer auf Feldbetten, mindestens zehn Leute in einem Zimmer. In der letzten Unterkunft gab es nicht mal eine Dusche”, erzählt die 60-jährige Ingrid, die seit der ersten Etappe fast jedes Jahr mit von der Partie ist. Und fügt hinzu: “Genau dieses Spartanische ist es ja, was uns so gut gefällt!” Hoffentlich wird auch mich der Reiz des einfachen Lebens, von dem Pilger immerzu schwärmen, noch erfassen. 

Kaum sind wir in der diesjährigen Unterkunft angekommen wird das Gepäck abgeladen und die Wanderer machen sich auf den Weg zu dem Ort, an dem sie ihre letzte Etappe beendet haben: Die St. Wendelins-Kapelle nahe der Scheidegger Wasserfälle ist der Startpunkt für eine Wanderung, die als “herrliche Strecke im Wald und am Flussufer entlang” angekündigt wird -  und diese Erwartung noch übertrifft: Die Landschaft wirkt malerisch, als wir auf verschlungenen, schattigen Waldwegen dem Fluss folgen und schließlich einen kleinen Wasserfall erreichen. 

Der  gemeinsame „Weg zum Ziel“ schweißte die zusammengewürfelte Truppe bald fest zusammen

Schon nach wenigen Stunden ist mir klar, dass es sich hier um eine bunt zusammengewürfelte Truppe handelt: Sowohl Männer und Frauen, als auch jüngere und ältere Exemplare sind mit von der Partie. Als das Projekt noch in den Kinderschuhen steckte, rotierten die Teilnehmer stark  - da bis heute jeder mitlaufen darf, der Lust hat, sah man immer wieder neue Gesichter. Mittlerweile hat sich jedoch ein “harter Kern” an Pilgern herauskristallisiert - der gemeinsame “Weg zum Ziel” hat sie alle zusammengeschweißt, wie die 54-jährige Maria betont: “Mittlerweile ist das mittlere September-Wochenende für uns alle ein Highlight und wird jedes Jahr rot im Kalender angestrichen.” Die meisten von ihnen hatten zunächst über Bekannte von dem Projekt erfahren. Nur wenig später nach dem sie sich angeschlossen hatten, beschlossen fast alle der heutigen Pilger, Mitglied der Malteser zu werden, um solche und ähnliche Aktionen tatkräftig zu unterstützen.

Besonders dankbar sind sie unter anderem für die professionelle Organisation der Etappen: Jedes Jahr aufs Neue laufen Gerhard und Stefan, die beiden Hauptorganisatoren des Projekts,  die neue Strecke zunächst ab, bevor sie die Gruppe auf die Pfade “loslassen”. Stefan engagiert sich seit acht Jahren für das Jakobsweg-Projekt und erzählt mir während der Wanderung, dass ihm im Laufe der Jahre immer wieder auch andere Pilger begegnet sind: “Die meisten sind tagelang allein unterwegs - oft auch Frauen. Die haben offenbar überhaupt keine Angst, mutterseelenallein den Jakobsweg entlang zu laufen.” 

Die Malteser Solnhofen beschließen jede Etappe mit einem sogenannten Schweigemarsch

Große Gruppen wie die Malteser Solnhofen sind eher die Seltenheit. Und das hat durchaus seine Gründe: Schon Hape Kerkeling musste erkennen, dass zahlreiche Pilger auf ihrem Weg nur den inneren Dialog suchen. Auch wenn bei den Maltesern zumeist die Geselligkeit im Vordergrund steht, verzichten auch sie zum Abschluss jeder Etappe nicht auf die Erfahrung, stundenlang schweigend zu marschieren und ihrem hektischen Alltag so neu zu begegnen: “Wenn ich schweigend laufe, finde ich immer nochmal einen ganz anderen Zugang zu meinen Gedanken und damit auch zu Gott”, erklärt mir Ingrid. Den festen Glauben an Gott teilen sie alle - eine normale Wanderung wäre deshalb nicht in Frage gekommen: “Es war definitiv der Begriff Jakobsweg, der mich dazu animiert hat, mitzumachen”, verrät auch der 60-jährige Wolfgang. “Diese Strecke ist ja immer in aller Munde und gilt bestimmt schon seit zehn Jahren als Modeerscheinung.” Auch die Vorstellung etappenweise mehrere hundert Kilometer innerhalb Bayerns zurückzulegen, motivierte die Pilgergruppe. Und all den skeptischen Außenstehenden, die am erfolgreichen Abschluss ihrer Reise zweifelten, wollten sie es erst recht beweisen.  

Freitags steht traditionell geselliges Beisammensein auf dem Programm

Als die erschöpften Pilger am späten Freitagabend zur Unterkunft zurückkehren, empfängt sie das daheimgebliebene Helferteam nicht nur mit einem heimelig angerichteten Nest samt vorbereiteter Hausmannskost, sondern auch mit leckerem Raffaelo-Likör. Es handelt sich traditionell um vier Malteser – Barbara, Longin, Sabine und Sabrina - die tatkräftig Vorbereitungen wie Kochen und den Aufbau der Feldbetten übernehmen, während die Pilger noch unterwegs sind. Weiterhin ist der Malter Fahrdienst nicht nur in Solnhofen regelmäßig im Einsatz, sondern steht auch auf den Jakobsweg-Etappen zuverlässig zur Verfügung: So mussten Gerhard und Longing in der Vergangenheit schon des Öfteren Pilger abholen, die zu erschöpft waren, um weiterzulaufen.

Nach einer (für die einen mehr, für andere weniger) geruhsamen Nacht, gilt es am nächsten Morgen eine Strecke von fast 20 Kilometern zu überwinden. In meinem Zustand chronischer Übermüdung scheint mir das zunächst fast unmöglich - das Endziel verleiht mir allerdings einen enormen Motivationsschub: An diesem Tag würden die Pilger nach neun Jahren und insgesamt zehn Etappen quer durch Bayern endlich das vorab festgelegte Ziel erreichen: Den Bodensee.

So gehen wir in zügigem Tempo voran, an Obstplantagen und dem farbintensiven Blütenmeer einer Dahlienschau vorbei. Und als ich mich gemeinsam mit zwei weiteren Pilgerinnen an all den bunten Farbtupfern erfreue, wird mir das erste Mal voll und ganz bewusst, was das Pilgern ausmacht: Die kleinen Freuden gewinnen hier wieder an Bedeutung. “Pilgern, das ist wie Urlaub für den Kopf”, hatte mir Maria kurz zuvor erklärt. Und ich verstehe nun, was sie meint: Pilger sehnen sich nach der Entschleunigung, nach einem flüchtigen Ausbruch aus ihrem reizüberfluteten Alltag. Mit anderen Pilgern teilen sie hier das einfache Leben und den Glauben, auf der Reise zu sich selbst und im besten Fall zu Gott finden - darin besteht der elementare Unterschied zu einer normalen Wanderung.

Am Bodensee angekommen legen die fleißigen Pilger zunächst eine kleine Kaffee- und Kuchenpause ein, bevor sie die letzte Teilstrecke antreten - und die hat es dank sommerlicher Temperaturen und hartem Asphalt wirklich in sich. Außerdem muss die Gruppe pünktlich die Kapelle in Nonnenhorn erreichen, weil der Abschlussgottesdienst auf 15 Uhr angesetzt ist. Der 78-jährige pensionierte Pfarrer Georg Härteis, der noch am selben Tag angereist und die 20 Kilometer ebenfalls zurückgelegt hat, hält schließlich die Messe ab. Besonders die Fürbitten, die einzelne Mitreisende vortragen, bleiben hierbei im Gedächtnis: Nicht zuletzt Gerhard Börner gewährte hierbei spannende Einblicke in seine Gedankenwelt.   

Der letzte Tag bricht an - und damit das Ende einer Ära 

Zum Abschluss der zehnten und letzten Etappe innerhalb Deutschlands steht zur Abwechslung einmal kein Schweigemarsch an - Gerhard entführt die Gruppe am Sonntag vielmehr in ein amerikanisches Diner, in dem sich alle nach Lust und Laune am reichhaltigen Frühstücksbuffet austoben dürfen. Auch wenn der Schweigemarsch sicher erkenntnisreich gewesen wäre, freuen sich insbesondere meine Beine darüber, dass mir eine weitere Wanderung erspart bleibt. 

Grundsätzlich folgte das Pilgerwochenende von 2010 – 2018 einem immer gleichen Ablauf: Der Freitag diente jedes Jahr dem gegenseitigen Kennenlernten, es wurden traditionell circa 10 bis 12 Kilometer zurückgelegt. Der Samstag galt als religiöser Tag inklusive 25 bis 30 Kilometer zurückgelegter Strecke und einem anschließenden Pilgergottesdienst. Am Sonntag stand mit acht bis 10 Kilometern immer der bereits benannte Schweigemarsch auf dem Programm. 

Am Ende dieser nun etwas „gemäßigteren“ zehnten Etappe scheint die Gruppe mehr als zufrieden und stolz über den erfolgreichen Abschluss. Insgesamt haben sie rückblickend tatsächlich mehrere hundert Kilometer zurückgelegt, um den Bodensee zu erreichen. Wie so oft verspüren viele am Ende dieser Ära natürlich auch einen Anflug von Nostalgie - Gerhard wäre allerdings nicht Gerhard, wenn nicht längst weitere Abenteuer geplant wären. Schon nächstes Jahr steht das größte Highlight der bisherigen Tour an: Die Malteser Solnhofen fliegen nach Spanien, um den Camino Francés bis zum Jakobsgrab zu begehen. Und auch für die Jahre danach hat Gerhard bereits unzählige Ideen im Kopf. Verraten will er diese zwar noch nicht  - doch eines ist sicher: Langweilig wird es gewiss nicht.

 

Bericht: Sophie Lobenhofer 

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